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Momentaufnahmen der Frühphase der Besiedlung der Festländer

Der unterdevonische Rhynie- Hornstein in Schottland: Das älteste terrestrische Ökosystem der Welt Vortrag von Prof. Dr. Hans Kerp Forschungsstelle für Paläobotanik am Institut für Geologie und Paläontologie, Westfälische-Wilhems-Universität Münster
Aglaophyton majorDie ältesten anatomisch erhaltenen Landpflanzen stammen aus dem Unterdevon von Rhynie, einem kleinen Dorf, etwa 60 km nordwestlich von Aberdeen, Schottland. Dort entdeckte der schottische Arzt und Geologe Dr. William Mackie 1912 bei einer geologischen Kartierung ein dunkles kieseliges Gestein, der Rhynie Chert. Die Cherts, die zahlreiche Pflanzen- und Tierreste – oft in herausragender Erhaltung – enthalten, wurden von mit Kieselsäure gesättigten Heißwasserquellen in einem vulkanisch aktiven Gebiet abgelagert. Der Verkieselungsprozess muss sehr schnell erfolgt sein, da häufig noch sehr feine Strukturen erhalten sind, wie zum Beispiel keimende Sporen, Spermatozoiden und Weichteile von Tieren. In den fast hundert Jahren nach der Entdeckung des Rhynie Cherts sind keine anderen Fossilfundstellen mit solch gut erhaltenen Fossilien bekannt geworden.

Pflanzen sind oft noch in Lebensstellung überliefert. Aus dem Rhynie Chert sind bislang sechs Arten höherer Landpflanzen beschrieben worden. Es handelt sich um relativ kleinwüchsige, etwa 10 bis 40 cm hohe, meist unbeblätterte, gabelig verzweigte Pflanzen. Bei den höheren Landpflanzen des Rhynie Cherts können nicht nur anatomische Details dokumentiert werden, sondern es können in mehreren Fällen auch die kompletten Lebenszyklen der Arten belegt werden. Neben eindeutigen Festlandmilieus sind auch aquatische Lebensgemeinschaften überliefert. Es handelt sich dabei meist um kleinere, gelegentlich trocken fallende Tümpel, die durch Armleuchteralgen und kleine Krebse besiedelt wurden.

Aus dem Rhynie Chert sind auch diverse Cyanobakterien, Bakterien, zahlreiche Pilzarten, Algen und sogar die älteste eindeutige Flechte nachgewiesen worden. Wechselbeziehungen zwischen Pilzen, Algen, Landpflanzen und Tieren können anhand des Rhynie Chert-Materials dokumentiert werden. Obwohl die Erzeuger häufig noch unbekannt sind, belegen Kotreste eine Vielfalt an tierischen Lebensformen - von rein vegetarisch lebenden Tieren bis hin zu Allesfressern. Für die Zersetzung abgestorbenen Pflanzenmaterials und für die Bodenbildung spielten tierische Organismen neben den Pilzen eine entscheidende Rolle. Neben Kotresten liegen auch zahlreiche körperlich erhaltene Tierreste vor. Darunter sind mehrere Gattungen im Wasser lebende Krebsartige, Springschwänze, primitive Spinnen und Milben. Viel Aufsehen erregte vor einigen Jahren die Entdeckung der ältesten Weberknechte. Deren Tracheen, die zur Atmung dienten, zeigen, dass sie permanent auf dem Land lebten. Ebenfalls sehr spektakulär sind die ältesten Vertreter der Fadenwürmer. Im Gegensatz zu den anderen aus dem Rhynie Chert bekannten Tieren besaßen sie keine Hartteile; auch bei diesen Fadenwürmern kann man noch verschiedene Organe erkennen, wie zum Beispiel die Muskulatur, den Darmtrakt und die Ovarien. Da die verschiedenen Lebensgemeinschaften zum Teil vollständig überliefert sind, können Nahrungsketten nahezu komplett rekonstruiert werden.

Obwohl Flora und Fauna bereits seit fast 100 Jahren erforscht werden, liefert der Rhynie Chert noch bis zum heutigen Tag immer wieder neue und oft unerwartete Ergebnisse. Auch wenn Rhynie nicht die allerälteste Landflora und -fauna darstellt, erlauben die detaillierten Beobachtungen Aussagen über die früheste Besiedlung der Festländer. Der Rhynie Chert ist, als eines der wenigen, fast vollständig erhaltenen fossilen terrestrischen Ökosysteme, ein einmaliges Schaufenster der Frühphase des Lebens auf den Festländern.

Rhynia gwynne-vaughanii
Spinne Rhynie chert