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Die "Lindlar Story"

In den 1920er Jahren entdeckte Hermann Weyland aus Wuppertal- Elberfeld in den ca. 390 Millionen Jahre alten mitteldevonischen Gesteinen, die damals in dem ehem. Steinbruch am Kirberg bei Elberfeld abgebaut wurden, Fossilien mehrerer bis dahin unbekannter Pflanzengattungen. Unter anderen beschrieb er 1926 und 1929 zusammen mit Richard Kräusel vom Senckenberg- Museum in Frankfurt/Main die Gattungen Calamophyton und Duisbergia. Calamophyton primaevum stellten sie sich als kleinen, nur ca. 30cm hohen Schachtelhalmvorläufer, Duisbergia mirabilis als ca. 1m hohes Bäumchen mit keulig verdickter Basis und zahlreichen kleinen spreitenförmigen Blättern vor.

Dabei blieb es, bis Hans- Joachim Schweitzer, Bonn, Anfang der 1960er Jahre in einem der Sandsteinbrüche bei Lindlar in den Mühlenberg Schichten des Unteren Mitteldevons neues, umfangreiches Fossilmaterial fand. Basierend auf diesen Funden wurden Calamophyton und Duisbergia von ihm 1966 bzw. 1973 monografisch neu behandelt und anhand der gefundenen Pflanzenbruchstücke auch neu rekonstruiert. Danach blieb das Aussehen von Duisbergia im Wesentlichen gleich, die Pflanze war mit ca. 2-3m höher geworden und die „Blätter“ in Längszeilen angeordnet. Wegen dieser Längszeilen wurde sie nun als möglicher Vorläufer der karbonischen Siegelbäume angesehen. Aus dem kleinen Calamophyton- Pflänzchen der 1920er Jahre war ein ebenfalls 2-3m hoher Baum mit reich verzweigten Ästen geworden. In ihm sah man nun einen Vorläufer der Farne.

An diesen Pflanzenbildern hat sich danach wieder mehrere Jahrzehnte lang nichts geändert. Insbesondere Duisbergia mirabilis hat sich im Laufe der Zeit als die Charakterpflanze des Mitteldevons etabliert. Die Rekonstruktion Schweitzers fehlte in kaum einem Lehrbuch, zuletzt erschien sie 2009, zwei Jahre nach seinem Tod, in Paleobotany von Taylor, Taylor & Krings, dem derzeit maßgeblichen paläobotanischen Lehrbuch.

In genau diesem Jahr wurde bei der Durchsicht von Lindlar- Material, das Schweitzer in der Sammlung der Steinmann-Instituts der Universität Bonn deponiert hatte, ein kleines noch unbearbeitetes Sandsteinstück gefunden, das auf der einen Seite Calamophyton- Äste und auf der anderen ein Duisbergia- Stammbruchstück enthielt. Die Präparation ergab, dass die Äste von diesem Stamm abzweigen! Damit war schlagartig klar, dass die zu vermeintlich grundverschiedenen Pflanzen gestellten Fossilien in Wirklichkeit nur Teile einer einzigen Pflanze sind. Da Calamophyton früher als Duisbergia beschrieben worden war, hat der Gattungsname Duisbergia keinen Bestand mehr. Duisbergia mirabilis starb am 28.2.2008 gegen 21.00 Uhr im gesegneten Alter von 79 Jahren, als die Präparation des o.g. Stücks beendet war.

Zweifel an der „Duisbergia“- Pflanze hatten bereits einige Jahre zuvor belgische und englische Autoren geäußert. Allerdings blieb es bei der vorsichtig formulierten Hypothese, dass die Duisbergia- „Blätter“ nichts anderes als aufgefaserte Aststümpfe sind. Belegfossilien fehlten damals.


Im Steinbruch Schiffarth bei Lindlar, in dem Schweitzer seine aufsehenerregenden Funde gemacht hatte, waren anschließend über Jahrzehnte keine nennenswerten Pflanzenfossilien mehr gefunden worden. Die Pflanzenreste hatten sich damals im Wesentlichen auf eine Sandsteinlinse von ca. 3x4m Größe und ca. 0,6m Dicke beschränkt.

Wegen der neuen Erkenntnisse geriet der Steinbruch, der schon länger nicht mehr paläobotanisch unter die Lupe genommen worden war, wieder in den Fokus. Eine Begehung im Herbst 2008 ergab, dass an der ca. 60m hohen Westwand, an der seit 40 Jahren kein Abbau mehr stattgefunden hat, im oberen Bereich eine neue Berme angelegt wurde. Auf der Sohle am nördlichen Ende dieser Berme lagen verstreut Bruchstücke von Calamophyton. Kurze Zeit später wurde dort ein ca. 40 cm langer Abschnitt eines „Duisbergia“- Stamms mit einem Schopf von Calamophyton- Ästen freigelegt! Dies war der zweite Beleg der Kongenerität beider Pflanzen innerhalb weniger Monate.

Bei der Bergung dieses Fossils zeigte sich, dass darunter mindestens 2 komplette, bis ca. 1,5m hohe Calamophyton- Pflanzen von den Wurzeln bis zur Astkrone eingebettet waren. Der ca. 2,5 m lange Gesteinsblock mit den Fossilien wurde im Frühjahr 2009 geborgen. Ein solcher Fund wird von den Paläobotanikern als der „Heilige Gral“ ihrer Wissenschaft angesehen. Komplette fossile Pflanzen dieser Größe und diesen Alters sind extrem selten. Die Fossilien ermöglichen erstmals eine zweifelsfreie Rekonstruktion der Calamophyton- Pflanze.

Es stellte sich bei den Geländearbeiten schnell heraus, dass es sich hier um denselben fossilführenden Horizont handeln musste, den Schweitzer schon 1960 angetroffen hatte. Wir haben es also nicht mit einem lokalen, sondern mit einem weitflächigeren Vorkommen zu tun. Nun sind die Mühlenberg- Sandsteine durchweg flachmarine Sedimente, wie also sind vollständig erhaltene Landpflanzen in solche Ablagerungen geraten? Eine Antwort könnte das „sedimentologische Inventar“ geben, das mit diesem Horizont einhergeht. Er weist eine stark wellige, also erodierte Basis auf, enthält größere eckige Tonflatschen und Bruchstücke mariner Organismen (darunter auch Fischknochen) die in dieser Größe in den über- und unterlagernden Schichten nicht vorkommen. Diese Mischung von groben marinen und terrestrischen Bestandteilen deutet auf ein katastrophales hochenergetisches Überflutungsereignis hin, möglicherweise auf einen Tsunami. Die Pflanzen wuchsen zu diesem Zeitpunkt offenbar in nicht allzu großer Entfernung in dichten Beständen auf einer flachen Insel. Diese Bestände müssen durch die Überflutung weitgehend abgeräumt, in die vorgelagerten flachmarine Bereiche verfrachtet und dort zur Einbettung gekommen sein.

Ausgehend von dieser Hypothese und der Annahme, dass es sich um ein weitflächiges Ereignis gehandelt haben muss, konnte derselbe Horizont im Frühjahr 2010 in ca. 300m Entfernung im Nachbarsteinbruch BGS lokalisiert werden. Auch hier sind zahlreiche mehr oder weniger vollständig erhaltene Pflanzen zur Einbettung gekommen. Neben Calamophyton kommen auch die Arten Hyenia elegans und Weylandia rhenana vor. Weylandia zählt zu den seltensten Pflanzen des Mitteldevons überhaupt. Die Funde von dieser Lokalität zeigten bereits, dass auch die Vorstellungen von diesen beiden Pflanzengattungen revidiert werden müssen.

Spannend in diesem Zusammenhang ist, dass Hyenia elegans seit dem Jahr 2000 als ein Erhaltungszustand von Calamophyton primaevum angesehen wird. Durch die neuen Funde wird diese Art nun „wiedergeboren“, wenn auch in etwas anderer Gestalt.

2012 wurde die fossilführende Lage, durch eine Störung vertikal um ca. 10m versetzt, im Steinbruch Schiffarth noch einmal angeschnitten. Dabei konnten wieder mehrere vollständige Pflanzen, diesmal von Weylandia, geborgen werden. Mit diesen lassen sich sogar alle Wachstumsstadien der Pflanze zwischen 15 cm und 120 cm Größe belegen – was weltweit einzigartig ist. Darüber hinaus stellte sich heraus, dass Weylandia den bisher mit Abstand ältesten Nachweis farnartiger Beblätterung liefert. Niemand hatte damit bereits im Unteren Mitteldevon gerechnet. Farnartiges Laub trat nach bisherigem Kenntnisstand frühestens im Oberdevon auf. Diese Funde werden zurzeit noch wissenschaftlich bearbeitet.

Nach derzeitigem Kenntnisstand sieht es also so aus, als wenn wir die von Schweitzer weltbekannt gemachte Lindlarer Mitteldevonflora einem einzigen singulären Überflutungsereignis verdanken. Wie in einer Momentaufnahme erhaschen wir einen einzigartigen Einblick in die damalige Vegetation und auf die ältesten waldartigen Baumbestände, die es auf diesem Planeten gegeben hat. Einen Einblick, den es weltweit nur in Lindlar gibt.

Peter Giesen